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Eine Schule für Adivasi

Kultursensible Räume und mehr Chancengleichheit
July 2, 2026 by
Eine Schule für Adivasi
Lisa Baumann

Für bessere Bildungschancen in den Adivasi-Dörfern

Kinder spielen eine wichtige Rolle in Familie und Gemeinschaft der Adivasi der Gudalur-Region. Sie werden geliebt, umsorgt und anerkannt. Traditionell dürfen auch Kinder an den Entscheidungen der Dorfgruppen (sangams) gleichberechtigt mitwirken. Die Kinder und ihre Eltern wollen am Schulsystem teilnehmen - entgegen aller Vorurteile gegenüber Adivasi. 

Jedoch ist die Ausgangslage für Adivasi in den Nilgiri-Bergen oft sehr schwierig. Die Dörfer sind oft abgelegen - nicht selten haben schon kleine Kinder einen gefährlichen Schulweg von einigen Kilometern Fußweg durch den Wald. Es gibt zahlreiche arme und benachteiligte Familien. An den staatlichen Schulen spielen Sprache und Kultur der Adivasi keine Rolle; spezifische Bedürfnisse der Adivasi-Kinder werden oft nicht berücksichtigt. Auch brauchen die Familien Geld für Schuluniformen und Schulmaterialien. Schwierige Lernbedingungen zu Hause und an staatlichen Schulen führen zur Benachteiligung und immer wieder auch zum Schulabbruch. Viele Kinder schaffen es nicht regelmäßig zur Schule oder brechen sie ab.

Eine Alternative zu staatlichen Schulen

Unter dem Dach der Adivasi-Bildungsorganisation "Vishwa Bharata Vidyodaya Trust" in Gudalur werden Adivasi-Kinder erfolgreich unterrichtet und bei Bedarf in einem Hostel beherbergt. Hier erhalten auch Schulabbrecher*innen eine zweite Chance. Sie leben und lernen auch zusammen mit ausgebildeten,  erfahrenen Adivasi-Lehrkräften. An den beiden Adivasi-Schulen in Gudalur und in den dörflichen Lernzentren werden die Bedürfnisse der Adivasi-Kinder erkannt und berücksichtigt.

Partizpation

 "Unsere Kinder sollen lernen, stolz darauf zu sein, wer sie sind und die Gesellschaft als aktive Mitglieder zu gestalten."

(Surendiran,  Adivasi der Mullakurumba, und langjähriger Leiter der Adivasi-Schule)


Die Adivasi-Schule "Vidyodaya" in Gudalur

Um die Adivasi-Kinder bestmöglich zu unterrichten, hat das Adivasi-Netzwerk AMS unter dem Dach der Adivasi-Bildungsorganisation Vishwa Bharata Vidyodaya Trust ab 1993 eine Adivasi-Schule in der Provinzstadt Gudalur für Adivasi-Kinder aufgebaut. 1996 gingen dort die ersten Kinder zur Schule. An dieser Tagesschule lernen derzeit 120 Adivasi-Kinder bis zur 5. Klasse. Mit eigenen Schulbussen und Jeeps werden einige Kinder aus abgelegenen Dörfern gebracht. Die Kinder gehen gern auf die Adivasi-Schule und lernen gut. Ab Herbst 2026 wird ein neuer Campus gebaut, der die Kinder bis zu ihrem Schulabschluss begleiten wird. 2028 sollen die ersten Klassenzimmer fertig sein für den Unterricht.

Mehr Lesen auf der Webseite von Vidyodaya (in englischer Sprache) 

Die Schule und die Bildungsarbeit ist weiter ein wichtiger Schwerpunkt in der Arbeit der Adivasi - und nach wie vor zeigt die Adivasi-Schule, dass und wie gute Bildung auch für Adivasi-Kinder mäglich ist. Seit April 2015 ist die Adivasi-Schule "Vidyodaya" in Gudalur als eine von 13 Schulen in Indien als Ashoka Changemaker School anerkannt.  Mehr Lesen (auf englisch) zu Ashoka-Schulen in Indien

"Vidyodaya School is exemplary of a workable and successful model of changemaker education for the tribal communities in India. When both the government, and the tribal community itself, had given up on the education of the tribal child, Vidyodaya demonstrated a system that challenges old school and elitist thinking." (Sanjana Janardhanan, Programm-Manager der "Ashoka Changemaker Schools" über die Adivasi-Schule) 

Ganzheitliches Konzept

Von Anfang an hatte die Vidyodaya-Schule das Bestreben, nich nur eine Anzahl von Kindern zu unterrichten ? sondern es ging immer auch darum, der Gesellschaft und der Regierung zu zeigen, dass Bildung f?r Adivasi-Kinder sehr wohl und erfolgreich m?glich ist, wenn sie richtig angegangen wird. 2009 wurde die Adivasi-Schule von der indischen Regierung als alternative Schule anerkannt. Dies berechtigte die Adivasi dazu, selbst Pr?fungen abzunehmen und Lehrpl?ne zu gestalten und damit auch traditionelles Wissen der Adivasi zu unterrichten und gleichzeitig die Sch?ler/innen f?r gute Schulabschl?sse und h?here Bildung zu bef?higen. Auch die Regierung von Tamil Nadu sah die Erfolge der Arbeit ? Vidyodaya wurde 2012 ausgew?hlt, Adivasi-Kinder, welche staatliche Schulen abgebrochen hatten, als Internatsschule zu unterrichten. Bis 2016 lebten also auch Kinder zwischen der 1. und 8. Klasse in der Schule und wurden von jungen Adivasi-Lehrer/innen betreut, welche von Vidyodaya in zwei Jahren ausgebildet worden waren. Auch im Adivasi-Dorf Manvayal begannen der Unterricht und die Betreuung von 50 Schulabbrecher/innen. Allerdings war es f?r das Schulteam frustrierend zu sehen, wie viele der Adivasi-Kinder, die nach dem Ende des zweij?hrigen Programms an ihre fr?here staatliche Schule zur?ckkehren mussten, bald erneut die Schule abbrachen.

Seit 2016 gibt es an der Adivasi-Schule einen Orientierungskurs ("Foundation Course") f?r ?ltere Sch?ler/innen: Jeweils 10 bis 15 Adivasi-Jugendliche werden von Vidyodaya untergebracht und verpflegt und unterrichtet. Sie erhalten einerseits Unterst?tzung und Unterricht, um die Pr?fungen der 10. Klasse zu bestehen. Andererseits erhalten sie berufliche Orientierung und lernen eigene St?rken kennen, so dass sie sich anschlie?end entscheiden k?nnen, welchen Schwerpunkt sie ab der 11. Klasse w?hlen wollen oder ob sie lieber einen technischen beruflichen Kurs absolvieren wollen.

Die neue Adivasi-Internationsschule in Gudalur

Seit Sommer 2016 betreibt die Adivasi-Bildungsorganisation "Vishwa Bharata Vidyodaya Trust" (Vbvt) eine zweite Schule in Gudalur. Hier k?nnen Adivasi-Kinder, welche staatliche Schulen abbrachen, wohnen und lernen  - bis zum Ende ihrer verbleibenden Schulzeit von der 1. bis zur 8. Klasse. Die Finanzierung von Bau und laufenden Kosten dieser "SSA Vbvt Access Residential School" erfolgt durch die staatlichen Programme SSA ("Sarwa Siksha Abhiyan" = Bewegung der Bildung f?r alle) und "Access". Der Unterricht wird konzipiert und durchgef?hrt von Vidyodaya (Vbvt).

Die d?rfliche Bildungsarbeit

Als Ergänzung zum Standort der Schule in der Provinzstadt Gudalur gibt es dörfliche Lernzentren, in den die Adivasi-Kindern nach der Schule beim Lernen unterstützt werden. Dort gibt es mobile Dorfbibliotheken und es finden regelmäßige Bildungscamps für Schulabbrecher*innen und Kurse zur Examensvorbereitung statt. Zudem besteht die Möglichkeit, an einem ein Sparprogramm für Kinder teilzunehmen zur finanziellen Unterstützung für Bildungs- und Unterrichtsmaterial in Adivasi-Sprachen. In Zusammenarbeit mit dem Linguistic Survey of India werden Adivasi-Sprachen mit der Tamil-Schrift und Sonderzeichen verschriftlicht. Als Pädagog*innen ausgebildete Adivasi erstellen Alphabete in den Adivasi-Sprachen. Seitdem die Kinder von freiwilligen Adivasi aus ihren Dörfern zur Schule begleitet werden, gehen fast alle Kinder regelmäßig zur Schule.

Digitale Bildung: Ein Community Information Resource Centre (CIRC)

Im August 2015 wurde vom Adivasi-Netzwerk AMS in Erumad in den Nilgiris-Bergen das erste Gemeinschaftszentrum f?r digitale Kommunikation er?ffnet - ein "Community Information Resource Centre" (CIRC). Hier k?nnen die Adivasi der umliegenden D?rfer Computer, Internet und Drucker nutzen und sich darin weiterbilden. Seit 2007 sind in ganz Indien in Kooperation mit lokalen Organisationen 120 solche Zentren f?r benachteiligte Bev?lkerungsgruppen entstanden, in den Nilgiris-Bergen ist es das erste. Die Potentiale von Computer, Tablet und Internet spielen in der Arbeit der Adivasi und ihrer Vernetzung eine immer gr??ere Rolle - so kann ein Adivasi-Gesundheitsarbeiter beim Dorfbesuch mit Tablet und Internet direkt Daten an das Adivasi-Krankenhaus in Gudalur weiterleiten. Damit auch die Adivasi in den zum Teil abgelegenen D?rfern Computer und Internet nutzen und selbstsicher an der Gesellschaft teilhaben k?nnen, ist das erste "CIRC"-Zentrum in den Nilgiris-Bergen sehr wichtig. mehr:  www.circindia.org ...Mehr Lesen 


Einschnitt: Die Schulschließungen während des Lockdowns 

"Mit den Schulschließungen infolge der Corona-Pandemie bieten die dörflichen Lernzentren die einzige Bildung, die diese Kinder erhalten" , erklärt Rahul vom Bildungsteam die gestiegene Bedeutung der Lernzentren. Angesichts der langen Schulschließungen waren die dörflichen Lernangebote besonders wichtig, denn so konnte den Kindern der Wiedereinstieg in die Schule erleichtert werden. Die meisten Kinder vor allem der jüngeren Klassen haben aufgrund der Corona-Pandemie 1 bis 1,5 Jahre keine Schule besucht. In den Lernzentren erhielten sie Unterstützung und schulische Nachhilfe. 

Vor der Corona-Pandemie gab es 16 dörfliche Lernzentren, in denen vor allem ältere Jugendliche in der 10. oder 11. Klasse die jüngeren Kinder des Dorfes betreuten, ihnen Arbeitsblätter ausgaben oder ihre Schulaufgaben kontrollierten.  Mit den Schulschließungen infolge der Corona-Pandemie erlangten die dörflichen Lernzentren des Adivasi-Netzwerks AMS eine größere Bedeutung. Jetzt arbeitet das AMS-Bildungsteam daran, die Qualität dieser und weiterer neuer Lernzentren zu verbessern.

Foto: Sri Madurai Area Center, ATP 2023

Das Team der Adivasi-Schule erstellt Arbeitsblätter und Lernmaterialien, stellt Lesebücher und Bastelmaterialien zur Verfügung und ist im wöchentlichen Austausch mit allen Betreuer*innen und besucht regelmäßig jedes Lernzentrum, wodurch auch der Kontakt vom Team der Adivasi-Schule zu den Familien gestärkt wird. In Gruppen-Trainings erhalten die Betreuuer*innen der Lernzentren Feedback und Anregungen, wie etwa Mathematik oder Englisch mit Hilfe von Spielen oder Geschichten gelehrt werden können. Nicht zuletzt besprechen sie ihre Rolle und wie sie ihren Kontakt zu den Kindern stärken können.

"Wir verstehen die Kinder jetzt besser. Wir kontrollieren nicht mehr nur Aufgaben auf Arbeitsblättern, sondern spielen, reden und diskutieren mit den Kindern. Wenn wir viel mit den Kindern sprechen, dann sind auch die Kinder offener und aktiver" , analysieren die jungen Betreuer*innen mit dem AMS-Bildungsteam .

Lernzentren sind ein Gewinn für die Kinder und für die Gemeinschaft

In sieben Lernzentren bieten junge Adivasi bereits kontinuierliche und kompetente Bildungsangebote für je 5 bis 15 Kinder an - vom Kindergarten bis zur 8. Klasse: in Kootatu in der Erumad-Region, in Kadichankolly in der Devarshola-Region, in Mudirakolly und Chembakapalli sowie Aanapanchola in der Pattavayal-Region, in Kozhikolly in der Devala-Region sowie in Chembakolli in der Sri Madurai-Region. In diesen Dörfern gibt es einen geeigneten Gemeinschaftsraum und motivierte Adivasi. Immer mehr Kinder kommen, und sie beteiligen sich immer aktiver.

Foto: Sri Madurai Area Center, ATP 2023

Kinder und Jugendliche kommen nach wie vor sehr gerne in die Lernzentren, um sich mit den anderen Kindern und ihren Betreuer*innen zu treffen. Seit der Pandemie sind die Lernzentren für Kinder und Jugendliche noch wichtiger geworden. Was ihnen besonders gefällt: Sie können frei miteinander kommunizieren, zusammen spielen und basteln, Geschichten lesen und traditionelle Lieder singen - Dinge, die in staatlichen Schulen so nicht möglich sind.

Gute Lernzentren sind für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder ein Gewinn - und haben damit jede Menge Potential für das jeweilige Dorf und die Adivasi-Gemeinschaft insgesamt, ebenso wie umgekehrt. Selbstbewusste Kinder und Jugendliche, die ihre Fähigkeiten entfalten und sich für die Gemeinschaft einsetzen, werden Verantwortung übernehmen und die Dorfentwicklung stärken.

Die Betreuer*innen und das Bildungsteam arbeiten stets daran, Anerkennung und Unterstützung für die Lernzentren in den Familien und Dörfern zu verbessern und weitere Freiwillige zu finden - damit gute Bildung nicht nur von engagierten Lehrkräften abhängig ist, sondern auch von jungen Adivasi aktiv mitgestaltet wird. So können die Kinder Geschichten, Lieder und Fähigkeiten von den Menschen in ihrem Dorf lernen. Mit Austausch, mehr Trainings, mit Lehrplan und Materialsammlung und Anregungen und in Gesprächen hofft das Bildungsteam, die Eigeninitiative weiter zu fördern.