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Bericht vom Seminar 2025

Decolonize Development Education
20 November 2025 by
Bericht vom Seminar 2025
Lisa Baumann

Immer wieder inspiriert uns die vielfältige, lebendige und innovative Basis-Entwicklungsarbeit des Adivasi-Netzwerks AMS in etwa 320 Dörfern. Wir als Initiative in Deutschland sind überzeugt: So anders das traditionelle Leben der Adivasi erscheint, so relevant sind ihre aktuellen Herausforderungen auch für uns: Wie wird ein nachhaltiger Lebensstil bei steigendem Wohlstand bewahrt? Wie wird die Koexistenz von Menschen und Wildtieren verbessert? Wie können Machtstrukturen überwunden werden?

2025 haben wir uns im ATP bewusst die Frage gestellt: Inwiefern ist unsere Arbeit von kolonialen Machtstrukturen und Denkmustern geprägt? Was bedeutet das für unser Engagement? Gemeinsam mit der Initiative Göttingen Postkolonial haben wir uns auf den Weg gemacht, koloniale Kontinuitäten zu betrachten und unsere eigenen Rollen darin kritisch zu hinterfragen. Im Rahmen eines Seminars haben Studierende, ehrenamtlich Aktive und Multiplikator*innen Perspektiven geschärft und ihr Wissen zu Rassismus und Kolonialismus vertieft.

Den „inneren Kolonialherren“ aufspüren

Den inhaltlichen Auftakt zu unserem Wochenend-Seminar bildete ein Input von Sarah Böger (Göttingen Postkolonial), der die ideologischen Grundlagen europäischer Kolonialherrschaft nachzeichnete. Kolonialismus wird dabei nicht als abgeschlossenes historisches Ereignis verstanden, sondern als ein rassistisches Unrechts- und Gewaltsystem, dessen Logiken bis heute fortwirken.

Zum kolonialen Erbe gehören neben unseren gewohnten Vorstellungen von Wirtschaft und Zeit auch Konzepte wie patriarchale Geschlechterordnungen und der Nationalstaat. Wir Teilnehmende versuchen zu begreifen, dass wir mit einem gewissen Anspruch auf objektive Wahrheiten ein rassistisch fundiertes Wissenssystem stützen, welches z.B. indigenes Wissen ausblendet.

Wir diskutierten intensiv über koloniale Haltungen, die bis heute unser Denken prägen: Die Deutung von „anderen“ Lebensweisen, anstatt sie bloß zu beobachten, der Defizitblick auf marginalisierte Gruppen und spontane Annahmen darüber, was „gut“ für andere sei. Sammeln, Ordnen und Bewerten wurden ebenfalls als koloniale Praktiken identifiziert. In ehemals kolonisierenden Gesellschaften fällt es uns oft schwer, Rassismen zu erkennen und aktiv dagegen vorzugehen.

Eine Diskussion entzündete sich am Thema Mitleid: Ist es Ausdruck von Solidarität – oder stabilisiert es bestehende Machtverhältnisse? Mehrere Teilnehmende reflektierten, inwiefern auch gut gemeinte Projektarbeit oder Spendenaktionen Teil eines Systems sein können, das Abhängigkeiten reproduziert. Eindrücklich war der geteilte Aufruf aus einer afrikanischen Community: „Lasst uns uns selbst empowern – wir wollen kein Geld, keine Mittel, keine Hilfen.“ Einzelne Teilnehmende fühlen Scham bei diesem Aufruf. Gleichzeitig wurde angemerkt, dass Gefühle von Scham und Schuld zwar Teil der Auseinandersetzung mit weißen Privilegien sind, aber oft auch lähmen und aktives antirassistisches Handeln verhindern. Wut oder gemeinsame Zuversicht lösen eher Bewegungen aus.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe – ein lösbarer Widerspruch?

Im zweiten Teil des Seminars stellten wir uns einer der zentralen Fragen internationaler Entwicklungs-zusammenarbeit: Ist die Partnerschaft mit NGOs in Indien, die sich für die Rechte marginalisierter Menschen einsetzen, überhaupt auf Augenhöhe möglich?

In der Diskussion wurden sowohl Chancen als auch strukturelle Grenzen benannt. Begegnungen sind stets von strukturellen Schieflagen geprägt – durch Sprache, Staatsangehörigkeit, ökonomische Sicherheit und Bewegungsfreiheit. Diese Schieflagen umgeben uns ständig und überall. Hinzu kommt: Die Abhängigkeit von Spenden aus Deutschland ist keine freie Entscheidung, während umgekehrt das Sammeln von Spenden oder Reisen nach Indien Ausdruck massiver Privilegien ist. Auch die Gefahr der Romantisierung indigener Lebensrealitäten, das unbewusste Anlegen eigener Bewertungsmaßstäbe und die Orientierung an einem kolonial geprägten Bildungssystem wurden kritisch benannt. Einige Teilnehmende stellten die unbequeme These in den Raum, dass vollständige Augenhöhe unter diesen Bedingungen vielleicht nicht erreichbar ist – und dass auch der Versuch, dies zu behaupten, problematisch sein kann.

Auf der anderen Seite steht die Überzeugung, dass das ATP gemeinsam mit Adivasi-Partner*innen Ziele formuliert, Interessen teilt und über Jahrzehnte eine Beziehung aufgebaut hat, die weit über finanzielle Unterstützung hinausgeht. Augenhöhe wird spürbar in gemeinsamen Räumen des Aushandelns, aktiven Zuhörens und gegenseitigen Lernens.

Viele Teilnehmende des Seminars betonten, wie viel sie von Adivasi-Wissenssystemen, Lebensweisen und Perspektiven lernen können – als bewusste Ergänzung zur eigenen formalen Bildung.

Koloniale Kontinuitäten in Indien betrachten

Einen wichtigen Perspektivwechsel bot der Vortrag von Aazam Abdul Nisthar, der koloniale Kontinuitäten in Indien historisch und politisch einordnete. Er machte deutlich, dass Adivasi-Gemeinschaften nicht isoliert betrachtet werden können, sondern in enger Verbindung mit dem indischen Kastensystem stehen. Der indische Staat setzt bis heute ausbeuterische und teilweise offen gewaltsame Praktiken gegenüber Adivasi ein. Aazam beschrieb drei Phasen des Kolonialismus in Indien: die direkte europäische Kolonialherrschaft, das nationale Versprechen nach der Unabhängigkeit, das für viele marginalisierte Gruppen nicht eingelöst wurde, sowie das heutige globale Entwicklungsparadigma, das auf Privatisierung, wirtschaftliches Wachstum und Menschenrechte setzt, dabei aber neue Formen der Kolonisierung hervorbringt.

Was bleibt – und was folgt?

Die Evaluation des Seminars zeigt: Es gibt kein bestimmtes Repertoire an dekolonialen Methoden, was wir einfach anwenden können. Zunächst braucht es eine Haltung, die wir uns erarbeiten, und kontinuierlich ergänzen müssen.

Eine dekoloniale Haltung erarbeiten wir uns durch viele kleine Schritte wie zum Beispiel einen bewussteren Umgang mit Sprache. Außerdem sollten kolonialkritische Perspektiven viel mehr Raum bekommen in Bildungsarbeit, Projektplanung und Öffentlichkeitsarbeit. Die aktiven Ehrenamtlichen im ATP nehmen sich vor, Adivasi bei jeder Entscheidung aktiv einzubinden und verstärkt auf Sprache und Bilder in der Öffentlichkeitsarbeit zu achten.

Wichtig ist auch, Hoffnung zu bewahren. Kolonialkritisches Handeln findet bereits statt – manchmal sichtbar, manchmal leise, oft im Zwischenmenschlichen. Viele kleine Geschichten erinnern uns daran, dass Veränderung nicht nur in großen politischen Umbrüchen geschieht, sondern auch in alltäglichen Entscheidungen, Beziehungen und im kontinuierlichen Arbeiten an der eigenen Haltung.Wir können kolonialie Kontinuitäten und eigene Verwobenheiten abbauen, wenn wir unsere eigenen Rassismen erkennen und verlernen, offen aufeinander zugehen und eigene Ressourcen teilen.